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Neue Perspektiven für die Herzinsuffizienz-Therapie

Dortmund, 28. Januar 2026

Prof. Dr. Tanja Rudolph ist Oberärztin am Herz- und Diabeteszentrum NRW (HDZ) und bringt ihre langjährige Erfahrung aus der Kardiologie in das Projekt „HI-FIVE – GRK5-Inhibitoren zur Therapie verschiedener Herzinsuffizienz-Entitäten“ ein. Gemeinsam mit dem ISAS, dem Lead Discovery Center und ihren Kolleg:innen am HDZ arbeitet sie daran, einen neuen Therapieansatz für Herzinsuffizienz zu entwickeln.

Prof. Dr. Tanja Rudolph ist Kardiologin am Herz- und Diabeteszentrum NRW und klinische Leiterin im Forschungsprojekt HI-FIVE.

Der Kliniktag von Prof. Dr. Tanja Rudolph ist eng getaktet. Um 7:45 Uhr startet die Frühbesprechung in der Klinik für Allgemeine und Interventionelle Kardiologie / Angiologie, gefolgt von Eingriffen im Hybrid-OP, Behandlungen im Herzkatheterlabor sowie Visiten und Gesprächen mit Patient:innen und Angehörigen. Etwa 80 bis 85 Prozent ihrer Arbeitszeit widmet Rudolph diesen und weiteren klinischen Tätigkeiten. Im eng getakteten Klinikalltag nimmt sie sich in ihrer restlichen Arbeitszeit an einzelnen Tagen einige Stunden Zeit für Forschungsprojekte wie HI-FIVE.

Schon früh im Studium entdeckte Rudolph ihre Begeisterung für die Kardiologie. „Das Herz hat von Anfang an eine große Faszination in mir ausgelöst“, erinnert sie sich. Während eines Pflegepraktikums erlebte sie, wie ein Patient nach einem schweren Herzinfarkt binnen weniger Tage eigenständig das Krankenhaus verlassen konnte. Diese Erfahrung bestärkte sie in dem Wunsch, in der Kardiologie zu arbeiten.

Herzschwäche: Eine Erkrankung mit vielen Facetten

Ein zentrales Thema in der Arbeit der Kardiologin und im Projekt HI-FIVE ist die Herzinsuffizienz (Herzschwäche). Die Erkrankung bringe viele Herausforderungen mit sich. „Herzinsuffizienz ist nicht gleich Herzinsuffizienz. Daher ist es entscheidend, die Erkrankung besser zu verstehen als bisher.“ Rudolph betont, dass verschiedene Ursachen unterschiedliche Ausprägungen hervorrufen können, was die Behandlung komplex gestalte. Um Patient:innen bestmöglich zu versorgen, sei es daher entscheidend, die individuellen Faktoren zu berücksichtigen und interdisziplinär zusammenzuarbeiten.

Brücke zwischen Forschung und Klinik

HI-FIVE zeichnet sich aus Sicht von Rudolph dadurch aus, dass beide klinischen Formen der Herzinsuffizienz, die systolische und die diastolische, gemeinsam berücksichtigt werden: „Der Ansatzmechanismus der GRK5-Hemmer ist sehr innovativ. Wenn alles so klappt, wie wir uns dies vorstellen, wirkt er auch sehr effizient und schließt damit eine Lücke in der medikamentösen Versorgung. Unser Projekt könnte sehr viele Menschenleben retten.“ HI-FIVE ist als stark translationales Verbundprojekt angelegt, in dem Forschung und Klinik eng zusammenarbeiten. Für Rudolph sei dabei nicht nur die fachliche Expertise der Partner entscheidend, sondern auch die Qualität der Zusammenarbeit.

HI-FIVE
Im Forschungsprojekt HI-FIVE entwickeln Wissenschaftler:innen am ISAS, bei der Lead Discovery Center GmbH und am Herz- und Diabeteszentrum NRW einen neuen Therapieansatz bei Herzinsuffizienz. Im Fokus stehen GRK5-Inhibitoren, die ein bei Herzschwäche überaktiviertes Schlüsselenzym hemmen. Ziel ist es, unterschiedliche Formen der Herzinsuffizienz gezielter zu behandeln, insbesondere bei Patient:innen, für die bestehende Medikamente nicht oder nur unzureichend wirken. Das Verbundprojekt startete 2025, läuft über drei Jahre und wird von der EU und dem Land Nordrhein-Westfalen gefördert.

Im Projekt HI-FIVE übernimmt sie die ärztliche Leitung des klinischen Teils. Gemeinsam mit PD Dr. Anna Klinke, Leiterin des Agnes Wittenborg Instituts für translationale Herz-Kreislaufforschung am HDZ NRW, definiert sie die klinischen Parameter des Projekts und entwickelt das Studiendesign. Zu ihren Aufgaben gehört es, geeignete Patient:innen für die Studie auszuwählen und diese zu untersuchen. Bei allen Teilnehmenden werden umfangreiche klinische Basisdaten erhoben, darunter die aktuelle Medikation, Blutmarker sowie detaillierte Echokardiografien zur Analyse der systolischen und diastolischen Herzfunktion. Zur weiteren Analyse der Herzfunktion kommen Langzeit-EKG zum Einsatz. Alle Patient:innen werden über ein Jahr hinweg beobachtet, um den weiteren Krankheitsverlauf zu erfassen.

Ziel ist es, die Laborergebnisse bei Patient:innen zu evaluieren und so die Brücke zwischen experimenteller Forschung und klinischer Anwendung zu schlagen. Der erste Patient wurde bereits im Dezember 2025 in die Studie eingeschlossen, insgesamt sollen rund 500 Patient:innen teilnehmen.

Personalisierte Therapie der Herzinsuffizienz

Mit Blick auf die Zukunft der Herzinsuffizienz-Therapie sieht Rudolph großes Potenzial in der Präzisionsmedizin. Entscheidend sei, die individuellen Ursachen einer Erkrankung besser zu verstehen, um Therapien gezielt auswählen und personalisiert durchführen zu können. Auch der Früherkennung misst sie eine zentrale Bedeutung bei, da viele Betroffene lange nichts von ihrer Erkrankung wissen. „Programme zur strukturierten Früherkennung, wie sie etwa bei zahlreichen Krebsarten etabliert sind, könnten für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ein wichtiger Schritt bei der Prävention sein.“ Neue Technologien wie KI-basierte Auswertungen von EKG oder Daten aus Wearables könnten ihrer Ansicht nach künftig dabei helfen.

„Mein Wunsch für die Kardiologie ist, dass wir Erkrankungen früher erkennen und so Leid verhindern können“, sagt Rudolph. Mit Projekten wie HI-FIVE gestaltet sie diese Vision bereits heute mit – zum Wohle von Patient:innen.

(Eske Haverkamp)

»HI-FIVE – GRK5-Inhibitoren zur Therapie verschiedener Herzinsuffizienz-Entitäten« ist im Juli 2025 gestartet. Die NRW-Landesregierung und Europäische Union fördern das Projekt mit ca. 2,1 Mio. Euro in den kommenden drei Jahren.

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