Zum Inhalt springen
Nach Schlaganfall und Herzinfarkt

Eine Ursache für Immunschwäche identifiziert

Duisburg/Essen, 23. April 2024

Jährlich erleiden jeweils zwischen 250.000 und 300.000 Menschen in Deutschland einen Schlaganfall oder Herzinfarkt. Als Folge ist bei Betroffenen häufig auch das Immunsystem gestört und es kommt oft zu Infektionen, die lebensbedrohlich sein können. Bislang wusste man wenig über die zugrundeliegenden Mechanismen. Ein Forschungsteam aus Wissenschaftler:innen der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen, des Universitätsklinikums Essen und des ISAS hat nun eine bisher unbekannte Ursache aufdecken können – und einen Therapieansatz. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie in Nature Cardiovascular Research.

Geleitet wurde die Studie von Prof. Matthias Gunzer, Direktor des Instituts für Experimentelle Immunologie und Bildgebung (IEIB) an der Universität Duisburg-Essen (UDE) sowie Leiter der Abteilung Biospektroskopie am Leibniz-Institut für Analytische Wissenschaften (ISAS), und Dr. Vikramjeet Singh, Leiter der Schlaganfallgruppe im IEIB. Sie konnten zeigen, dass bei Menschen ein bis drei Tage nach einem Schlaganfall oder Herzinfarkt die Menge der IgA-Antikörper im Blut drastisch abnimmt – diese sind unverzichtbar für die Verteidigung gegen Infektionen. Antikörper gibt es in mehreren Unterarten, die zusammen als Immunglobuline (Ig) bezeichnet und im Darm in spezialisierten Zellen (Plasmazellen) hergestellt werden.

Um dem Mechanismus hinter dem Verlust der Antikörper auf die Spur zu kommen – und mit diesen Erkenntnissen die Behandlung von Patient:innen zu verbessern – griffen die Forschenden auf Maus-Modelle zurück. Auch bei Mäusen kam es nach einem Schlaganfall oder Herzinfarkt zu einem Verlust von IgA im Blut und Stuhl. Die Forschenden fanden heraus, dass DNA-Fasern ein bisher unbekannter Faktor für den Verlust der Immunabwehr sind. Diese als Neutrophil Extracellular Traps (NETs) bezeichneten DNA-Fasern stammen aus den Zellkernen einer anderen Immunzellart, den Neutrophilen. NETs werden nach einem Schlaganfall oder Herzinfarkt von stark aktivierten Neutrophilen in großer Menge ins Blut abgegeben und können die Plasmazellen im Darm direkt abtöten. Ein vermutlich noch wichtigerer Effekt der NETs ist die Bildung von hunderten kleinen Gerinnseln in den Blutgefäßen, die die Plasmazellen im Darm versorgen. Dadurch kommt es zu einer mangelnden Versorgung und die Ig-bildenden Zellen sterben in großer Zahl ab.

Den Immunologen und ihren Teams gelang es nicht nur, einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Schlaganfall, Herzinfarkt und Immundefekt nachzuweisen, sie konnten auch einen neuen Behandlungsansatz aufzeigen: Wurden die NETs mit dem Enzym DNase zerstört oder ihre Freisetzung durch eine Substanz mit einem neuartigen Wirkprinzip verhindert, blieb die Immunabwehr intakt. Das konnten die Forschenden sowohl am Mausmodell als auch – im Fall der DNase – in späteren klinischen Studien nachweisen. „Bislang konnten keine Therapieansätze entwickelt werden, weil die Ursache für die Immunschwäche unklar war. Eine Behandlung, die die NETs abbaut oder gar ihre Bildung von vorneherein verhindert, könnte ein vielversprechender neuer Ansatz sein, um die Immunabwehr bei Patient:innen nach einem Schlaganfall oder Herzinfarkt zu erhalten. Möglicherweise lassen sich so schwere Folgeerkrankungen oder gar Todesfälle verhindern“, so Gunzer.

Originalpublikation

https://www.nature.com/articles/s44161-024-00462-8

Fluoreszenz-Ultramikroskopische Aufnahme aus dem speziellen Darmgewebe einer Maus, das besonders viele Ig-produzierende Plasmazellen enthält.

Fluoreszenz-Ultramikroskopische Aufnahme aus dem speziellen Darmgewebe einer Maus, das besonders viele Ig-produzierende Plasmazellen enthält: Rot sind Blutgefäße dargestellt, Immunzellen erscheinen grün (B-Zellen) bzw. blau (T-Zellen). Ein ischämischer Schlaganfall löste die Bildung von Gefäßthromben (grau) aus. Durch die anschließende Mangeldurchblutung sterben die Immunzellen ab.

© UDE/Laura Karsch und Ali Ata Tuz

Teilen

Weitere Pressemitteilungen

13. Juli 2026

Morbus Fabry: Molekulare Landkarte von Lipiden im Gewebe

Ein neues Verfahren aus dem ISAS kombiniert Raman-Mikroskopie und bildgebende Massenspektrometrie, und es zeigt: Erstmals lässt sich die räumliche Verteilung von Lipiden auf zellulärer und subzellulärer Ebene sichtbar machen – inklusive weiterer essentieller Informationen. Die neue Analysemethode hat ein hohes Potenzial für die Diagnostik und Therapie von Erkrankungen wie Morbus Fabry, bei denen sich Moleküle lokal im Gewebe verändern.

2. Juli 2026

Biomedizinische Bildanalyse mit KI 

Dr. Jianxu Chen übernimmt eine Professur für KI für die Biomedizinische Analytik an der Universität Duisburg-Essen. Mit seiner Arbeitsgruppe am ISAS entwickelt er KI-Methoden, mit denen sich gewaltige Mengen komplexer Mikroskop-Aufnahmen umfassend auswerten lassen.

Portrait von Dr. Jianxu Chen.
29. Juni 2026

Auf die inneren Werte kommt es an: Neutrophile bilden feste Untergruppen

Neutrophile Granulozyten lassen sich in zwei stabile Untergruppen mit völlig unterschiedlichen
Funktionen einteilen. Entscheidend ist dabei das Oberflächenprotein CD177. Erstmals konnten Forschende der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen und des ISAS mit einer neuen integrierten Proteomics- und
Lipidomics-Analyse zeigen, dass sich die molekularen Signaturen in CD177-definierten
Neutrophilen stark voneinander unterscheiden. Der Besitz dieses Oberflächenproteins hat Auswirkungen auf Krankheitsverläufe, etwa bei Hals- und Kopftumoren.

CD177 negative Neutrophile.
16. März 2026

Darmmikrobiom als Schlüssel für personalisierte Therapie bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen

Obwohl das Darmmikrobiom eine zentrale Rolle bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen spielt, wird es kaum für die Diagnostik und Therapie genutzt. MikrobiomProCheck soll dies ändern. Forschende analysieren NRW-weit molekulare Daten aus dem Darm von jungen und Erwachsenen Patient:innen, unter anderem mithilfe von KI. Ihr Ziel in Kooperation mit Biotechnologie-Unternehmen: neue personalisierte Therapieoptionen für Betroffene auf den Weg bringen.

26. November 2025

Neue Wirkstoffe für die Therapie von Herzschwäche

Forschende aus NRW arbeiten beim kürzlich gestarteten Forschungsprojekt HI-FIVE an einem neuen Ansatz zur Behandlung von Herzinsuffizienz. Sie entwickeln Wirkstoffe, die gezielt ein wichtiges Enzym bremsen sollen – mit dem Ziel, Lücken in der medikamentösen Versorgung von Patient:innen mit Herzschwäche zu schließen.

26. September 2025

Mikrobiom-Forschung: EU-Netzwerk METAMIC 3 sucht Promovierende

Im neuen EU-Netzwerk METAMIC 3 erforschen Nachwuchswissenschaftler:innen die Rolle von Mikrobiomen im Kontext von „One Health” für ihre Dissertation. Dabei kommen Metaproteomics-Methoden zum Einsatz. Weiterhin sind für die Promotion Aufenthalte an verschiedenen europäischen Einrichtungen vorgesehen. Die Doktorand:innen-Stellen sind ab sofort ausgeschrieben.

Prof. Dr. Robert Heyer ist Leiter der Forschungsgruppe Mehrdimensionale Omics-Datenanalyse und Netzwerk-Koordinator am ISAS.