Zum Inhalt springen
Veränderungen des Stoffwechsels bei Tumorzellen

Ceramide treiben Metastasierung bei Darmkrebs voran

Dortmund, 28. September 2026

Weltweit sterben jährlich mehr als 900.000 Menschen an Darmkrebs. Metastasen sind für den Großteil der krebsbedingten Todesfälle verantwortlich. Welche Mechanismen einzelne Tumorzellen dazu befähigen, Metastasen zu bilden, ist bislang nur unzureichend verstanden. Ein internationales Forschenden-Team, unter anderem am MIT, an der Harvard Medical School, an der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen und am Leibniz-Institut für Analytische Wissenschaften (ISAS), hat nun in einem präklinischen Modell einen Stoffwechselmechanismus identifiziert, der die Metastasierung bei Darmkrebs antreibt: die körpereigene Synthese von Ceramiden. Der Fettgehalt der Ernährung beeinflusst diesen Prozess. Ihre Ergebnisse haben die Wissenschaftler:innen nun in Science veröffentlicht.

„Warum entwickeln manche Tumorzellen die Fähigkeit, sich im Körper auszubreiten, während andere im Primärtumor verbleiben? Diese Vorgänge sind, auch bei Darmkrebs, bisher weitgehend unklar. Wir sind dieser Frage deshalb auf der Ebene des Zellstoffwechsels nachgegangen. Dabei haben wir einen molekularen Mechanismus entdeckt, der für die Entstehung von Metastasen eine wichtige Rolle spielt“, sagt Prof. Dr. Dr. Alpaslan Tasdogan, aus der Klinik Dermatologie am Universitätsklinikum Essen und Leiter der Forschungsgruppe Präklinische Metabolomics am ISAS. Der Onkologe ist einer der korrespondierenden Autor:innen der Publikation.

Ceramide im Darmgewebe

Ceramide im Darmgewebe: Der Querschnitt zeigt die räumliche Verteilung verschiedener Lipide im Darmgewebe, sichtbar gemacht mit bildgebender Massenspektrometrie (Mass Spectrometry Imaging, MSI). Ceramide sind in Grün zu sehen. Sie sind Bestandteile von Zellmembranen und wirken zugleich als bioaktive Moleküle. Ceramide treten in dieser Fallstudie vor allem im Bereich der Tumorzellen auf. Die übrigen Farben zeigen die Verteilung weiterer Lipidklassen im Gewebe.

© ISAS

Anhand verschiedener Untersuchungen, darunter Transkriptomics und umfangreiche Lipidomics-Analysen, erforschten die Wissenschaftler:innen, wie sich der Stoffwechsel von Darmtumorzellen verändert. So fanden sie heraus, dass es deutliche Unterschiede bei Mäusen mit regulärer (Kontrollernährung) und stark fettreicher Ernährung gab: 249 Lipidspezies waren unter fettreicher Ernährung signifikant erhöht. Ceramide bildeten dabei die am stärksten angereicherte Lipidklasse. Ceramide sind Bestandteile von Zellmembranen und zugleich bioaktive Signalmoleküle. Eine örtliche Analyse der Lipide im Darm zeigte: „Die erhöhten Ceramidwerte sind besonders mit Tumorzellen verbunden. Der Ceramidwert stieg bei Mäusen mit fettreicher Ernährung im Vergleich zu denen mit regulärer Diät weiter an“, erläutert Prof. Dr. Sven Heiles, Leiter der Forschungsgruppe Lipidomics am ISAS.

Auch zeitweise begrenzte fettreiche Ernährung verändert Tumorzellen dauerhaft

Die Wissenschaftler:innen untersuchten außerdem, ob durch die Ernährung ausgelöste Veränderungen in den Tumorzellen dauerhaft bestehen bleiben. Dafür erzeugten sie primäre Darmkrebs-Organoide (dreidimensionale Zellkulturen aus Darmtumorgewebe) aus Mäusen, die entweder mit einer Kontrollernährung oder einer fettreichen Ernährung gefüttert worden waren. Anschließend transplantierten sie die Organoide in Mäuse, die zuvor mit einer Kontrollernährung gefüttert wurden. Zwar gab es bei den Primärtumoren keinen Unterschied hinsichtlich ihrer Masse und des Überlebens der Tiere. Aber die Organoide aus den Tumoren der fettreich ernährten Mäuse bildeten signifikant mehr Lebermetastasen. „Die durch die fettreiche Ernährung ausgelösten pro-metastatischen Eigenschaften bleiben demnach in den Tumorzellen erhalten, auch wenn die fettreiche Ernährung nicht fortgesetzt wird“, resümiert Tasdogan.

Ceramide aktivieren YAP und fördern die Zellplastizität

Die Forschenden fanden Hinweise auf den molekularen Mechanismus: Ceramide aktivieren YAP (Yes-associated protein), indem sie die Aktivität des Enzym PP2A erhöhen und so bei YAP das Abspalten von Phosphatgruppen begünstigen. Durch diese Aktivierung versetzt YAP die Tumorzellen in einen regenerativen Zustand. Dadurch steigt ihre Zellplastizität, also ihre Fähigkeit, ihre Eigenschaften an neue Bedingungen anzupassen. Dies fördert die Bildung von Metastasen.

Potenzieller therapeutischer Ansatz identifiziert

Bei ihrer Studie konnten die Forschenden durch die Hemmung der Ceramidsynthese die Metastasierungskaskade unterbrechen. Der Ceramidstoffwechsel wäre somit ein möglicher therapeutischer Ansatzpunkt bei metastasierendem Darmkrebs. Weitere Untersuchungen sollen unter anderem klären, welchen Einfluss andere Lipide auf die Zellplastizität von Tumorzellen und den YAP-Signalweg haben.

Originalpublikation

Ceramide synthesis mediates colorectal cancer metastasis through a YAP-driven regenerative program https://www.science.org/doi/10.1126/science.adw8520

Downloads

Teilen

Weitere Pressemitteilungen

22. September 2026

Science Slam am Weltherztag in Dortmund

Beim Science Slam am Weltherztag dreht sich alles um die Gesundheit des Herzens. Sechs Slammende, darunter ein Arzt und fünf Nachwuchsforschende, nehmen das Publikum mit auf eine Reise vom Krankenhaus ins Labor – und wieder zurück.

13. Juli 2026

Morbus Fabry: Molekulare Landkarte von Lipiden im Gewebe

Ein neues Verfahren aus dem ISAS kombiniert Raman-Mikroskopie und bildgebende Massenspektrometrie, und es zeigt: Erstmals lässt sich die räumliche Verteilung von Lipiden auf zellulärer und subzellulärer Ebene sichtbar machen – inklusive weiterer essentieller Informationen. Die neue Analysemethode hat ein hohes Potenzial für die Diagnostik und Therapie von Erkrankungen wie Morbus Fabry, bei denen sich Moleküle lokal im Gewebe verändern.

2. Juli 2026

Biomedizinische Bildanalyse mit KI 

Dr. Jianxu Chen übernimmt eine Professur für KI für die Biomedizinische Analytik an der Universität Duisburg-Essen. Mit seiner Arbeitsgruppe am ISAS entwickelt er KI-Methoden, mit denen sich gewaltige Mengen komplexer Mikroskop-Aufnahmen umfassend auswerten lassen.

Portrait von Dr. Jianxu Chen
29. Juni 2026

Auf die inneren Werte kommt es an: Neutrophile bilden feste Untergruppen

Neutrophile Granulozyten lassen sich in zwei stabile Untergruppen mit völlig unterschiedlichen
Funktionen einteilen. Entscheidend ist dabei das Oberflächenprotein CD177. Erstmals konnten Forschende der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen und des ISAS mit einer neuen integrierten Proteomics- und
Lipidomics-Analyse zeigen, dass sich die molekularen Signaturen in CD177-definierten
Neutrophilen stark voneinander unterscheiden. Der Besitz dieses Oberflächenproteins hat Auswirkungen auf Krankheitsverläufe, etwa bei Hals- und Kopftumoren.

CD177 negative Neutrophile
16. März 2026

Darmmikrobiom als Schlüssel für personalisierte Therapie bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen

Obwohl das Darmmikrobiom eine zentrale Rolle bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen spielt, wird es kaum für die Diagnostik und Therapie genutzt. MikrobiomProCheck soll dies ändern. Forschende analysieren NRW-weit molekulare Daten aus dem Darm von jungen und Erwachsenen Patient:innen, unter anderem mithilfe von KI. Ihr Ziel in Kooperation mit Biotechnologie-Unternehmen: neue personalisierte Therapieoptionen für Betroffene auf den Weg bringen.

26. November 2025

Neue Wirkstoffe für die Therapie von Herzschwäche

Forschende aus NRW arbeiten beim kürzlich gestarteten Forschungsprojekt HI-FIVE an einem neuen Ansatz zur Behandlung von Herzinsuffizienz. Sie entwickeln Wirkstoffe, die gezielt ein wichtiges Enzym bremsen sollen – mit dem Ziel, Lücken in der medikamentösen Versorgung von Patient:innen mit Herzschwäche zu schließen.