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Effektive Strategien zur Stressabwehr lassen Tumorzellen in der Lunge überleben

Dortmund, 25. August 2026

Wie sich metastasierende Krebszellen an neue Mikroumgebungen anpassen, ist eines der Forschungsgebiete von Prof. Dr. Dr. Alpaslan Tasdogan. Der Onkologe ist Leiter des Instituts für Tumormetabolismus an der Klinik für Dermatologie am Universitätsklinikum Essen und Leiter der Forschungsgruppe Präklinische Metabolomics am ISAS. In einer in Cancer Discovery veröffentlichten Studie untersuchte er gemeinsam mit weiteren Forschenden metastasierende Brustkrebszellen in der Lunge. Im Interview erklärt er, warum diese Tumorzellen in der Lunge überleben und welche therapeutischen Perspektiven es für Patientinnen gibt.

Eure Publikation zeigt, dass metastasierende Tumorzellen bestimmte Schutzmechanismen gegen oxidativen Stress nutzen, um sich in der Lunge erfolgreich anzusiedeln. Weshalb habt ihr ausgerechnet Lungenmetastasen im Kontext von Brustkrebs untersucht?

Tasdogan: Die Lunge ist eines der ersten und häufigsten Zielorgane, in die Brustkrebszellen metastasieren. Bei vielen Patientinnen breiten sich von dort die Tumorzellen weiter im Körper aus. Deshalb wollten wir genauer verstehen, welche Mechanismen metastasierenden Tumorzellen dabei helfen, in der Lunge zu überleben und sich dort erfolgreich anzusiedeln. Wenn wir diese frühen Schritte der Metastasierung besser verstehen, können wir langfristig neue Möglichkeiten entwickeln, um gezielt einzugreifen und die weitere Ausbreitung zu verhindern.

Prof. Dr. Dr. Apaslan Tasdogan.

Prof. Dr. Dr. Alpaslan Tasdogan ist Onkologe und leitet das Institut für Tumor-Metabolismus am Universitätsklinikum Essen. Er forscht mit seiner dortigen Arbeitsgruppe zu Metastasen und zum Metabolismus des malignen Melanoms. Am ISAS leitet der Arzt und Wissenschaftler seit Mai 2024 eine zweite Gruppe. Für seine Forschung erhielt Tasdogan bereits mehrere Auszeichnungen, darunter beispielsweise einen ERC Starting Grant, eine Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe sowie Peter Hans Hofschneider Stiftungsprofessur für Molekulare Medizin.

© Dave Kittel / Universitätsklinikum Essen

Was bedeuten eure Ergebnisse für die derzeitige und zukünftige Therapie von Lungenmetastasen bei verschiedenen Brustkrebsformen?

Tasdogan: Unsere Ergebnisse zeigen neue therapeutische Ansatzpunkte für die frühe Phase der Metastasierung. Wenn Tumorzellen in die Lunge einwandern, sind sie dort einem besonders starken oxidativen Stress ausgesetzt. Um zu überleben und sich anzusiedeln, aktivieren sie Schutzmechanismen, die diese Belastung abfangen. Gelingt es, diese Mechanismen gezielt zu blockieren, könnten die Tumorzellen den oxidativen Stress nicht mehr ausgleichen und bereits vor der Bildung einer Metastase in die Apoptose, also den programmierten Zelltod, übergehen.

Künftige Therapien könnten darauf abzielen, bestimmte Stoffwechselwege so zu beeinflussen, dass die Tumorzellen den oxidativen Stress nicht mehr ausgleichen können. Sollten sich in präklinischen Analysen wirksame Wirkstoffe identifizieren lassen, könnten diese langfristig neue Behandlungsmöglichkeiten für Patientinnen mit metastasiertem Brustkrebs eröffnen.

Welche Rolle könnte Glutathion bei Brustkrebs auch in puncto Metastasen in anderen Organen – etwa Leber, Gehirn oder Knochen – spielen?

Tasdogan: Glutathion hilft der Zelle dabei, oxidativen Stress abzufangen. Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Tumorzellen diese Schutzfunktion nutzen, um die belastenden Bedingungen der frühen Metastasierung zu überwinden. Da die Lunge eines der ersten und häufigsten Zielorgane für metastasierende Brustkrebszellen ist, könnte die dort erworbene Stressanpassung entscheidend für die weitere Ausbreitung sein. Wir vermuten, dass Tumorzellen, die in der Lunge bereits effektive Strategien zur Stressabwehr entwickelt haben, auch mit den belastenden Bedingungen in anderen Organen besser umgehen können. Wir betrachten die Lunge daher als eine Art Gatekeeper der Metastasierung – eine Zwischenstation, die die weitere Ausbreitung von Tumorzellen beeinflussen und begünstigen kann.

Inwiefern ist es mit Blick auf eure Erkenntnisse relevant, wo der Primärtumor entstanden ist? Oder anders gefragt: könnte man bei in die Lunge metastasierten Darmkrebszellen ähnliche Effekte erwarten?

Tasdogan: Entscheidend ist weniger, wo der Primärtumor entstanden ist, sondern welchen Herausforderungen Tumorzellen in einem neuen Organ begegnen. Wenn Tumorzellen die Lunge besiedeln, müssen sie sich an eine belastende Umgebung anpassen. Wir gehen davon aus, dass metastasierende Tumorzellen dabei teilweise ähnliche Anpassungsmechanismen nutzen. Diese grundlegenden Prozesse der Metastasierung lassen sich mit vergleichbaren Technologien in verschiedenen Krebsarten analysieren. Wir untersuchen dies aktuell beispielsweise beim Melanom und bei Darmkrebs. In diesem Zusammenhang möchten wir die gemeinsamen Prinzipien der Metastasierung besser verstehen und herausfinden, welche Anpassungsmechanismen Tumorzellen nutzen, um neue Organe zu besiedeln.

(Das Interview führte Saskia Schlesinger.)

Lesetipp

Yeh, H.W., DelGaudio, N. L., Uygur, B., Millet, A., Khan, A., Unlu, G., Xiao, M., Timson, R. C., Li, C., Ozcan, K., Smith, K. W., Martins Nascentes Melo, L., Allies, G., Basturk, O., Sickmann, A., Bayraktar, E. C., Possemato, R., Tasdogan, A., Birsoy, K.

(2025) Mitochondrial Glutathione Import Enables Breast Cancer Metastasis via Integrated Stress Response Signaling.

Cancer Discovery. 15 (12), 2437–2449.

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