Dortmund, 5. Juli 2022. Mitten in der Pandemie beschloss Susmita Ghosh, zum ersten Mal in ihrem Leben ihr Heimatland zu verlassen. Für ihre Dissertation zog es die 25-Jährige vergangenen Herbst von Kolkata nach Dortmund, ans ISAS. Inzwischen engagiert sich die Biologin neben ihrem Job in der Arbeitsgruppe Bio-Fluorescence und ihrer Promotion für die Doktorand:innen am Institut. Wie sie sich eingelebt hat und was sie anderen Nachwuchsforscher:innen aus dem Ausland rät, berichtet Ghosh im Interview.

Am ultrasensitiven Massenspektrometer analysiert Susmita Ghosh ihre Proben für ihre Dissertation zum Thema »Unraveling the molecular makeup of neutrophils invading tumors and inflammatory tissues«. Außerhalb des Labors schreibt die Biologin Kurzgeschichten in ihrer Muttersprache Bengali. ©ISAS

Am ultrasensitiven Massenspektrometer analysiert Susmita Ghosh ihre Proben für ihre Dissertation zum Thema »Unraveling the molecular makeup of neutrophils invading tumors and inflammatory tissues«. Außerhalb des Labors schreibt die Biologin Kurzgeschichten in ihrer Muttersprache Bengali. ©ISAS

Wie bist du auf das ISAS aufmerksam geworden?   

Ghosh: Mich hat die Immunologie schon immer fasziniert, aber ich hatte in der Vergangenheit keine Gelegenheit, in diesem Forschungsfeld zu arbeiten. Deswegen habe ich beschlossen, mich bei meiner Promotion einem Thema aus der Immunologie zu widmen. Als ich auf der Suche nach einer PhD-Stelle in der Immunologie war, bin ich online auf die Stellenausschreibung am ISAS gestoßen. Ich fand die Forschung von Prof. Dr. Matthias Gunzer und den wissenschaftlichen Output am ISAS spannend.

Warum hast du dich dafür entschieden, Indien zu verlassen und am ISAS zu promovieren?   

Ghosh: Es war in der Tat eine schwere Entscheidung für mich, meine Eltern und Freunde zu verlassen. Aber ich glaube immer daran, dass man ein großes Opfer bringen muss, um etwas Großartiges zu erreichen. Jetzt bin ich also in Dortmund, um mein Ziel zu erreichen. Hier kann ich mein Promotionsstudium absolvieren und gleichzeitig mein Wissen und meine Erfahrung in der Immunologie vertiefen. All das hilft mir, meinem Ziel, eine unabhängige Forscherin zu werden, einen Schritt näher zu kommen. Ich kann mir selbst nicht genug dafür danken, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe.

Wie war dein Bewerbungsgespräch?

Ghosh: Ich glaube, Vorstellungsgespräche machen jede:n Bewerber:in nervös. Ich war zusätzlich aufgeregt, weil ich mich gerade von COVID-19 erholt hatte. Das Vorstellungsgespräch fand 15 Tage nach einer schweren Infektion statt, bei der ich Atemprobleme hatte und ein Inhalationsgerät benutzen musste und mit anderen Komplikationen zu kämpfen hatte. Aber in dem Moment, als ich Matthias Gunzer und eine seiner Doktorandinnen kennenlernte, fühlte ich mich gleich viel wohler. Mein erstes Gespräch mit den beiden war eher eine wissenschaftliche Diskussion als ein Interview. Bei meinem zweiten Gespräch hatte ich dann die Gelegenheit, mit Prof. Dr. Albert Sickmann zu sprechen. Da wurde mir klar, dass ich am ISAS eine Menge aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen lernen werde.

Du hast während der Pandemie ein neues Kapitel in deinem Leben begonnen. Was war das, rückblickend betrachtet, für ein Gefühl?

Ghosh: Für mich war es ein Wechselbad der Gefühle. Bevor ich hierhin kam, haben einige andere renommierte Forschungsinstitute meine Bewerbung wegen der Pandemie abgelehnt. Inmitten all dieser negativen Dinge um mich herum hat mich die positive Antwort vom ISAS wirklich glücklich gemacht. Die Zusage hat mein Selbstvertrauen gestärkt, wofür ich sehr dankbar bin. Gleichzeitig war es keineswegs einfach für mich, meine Familie in diesen schwierigen Zeiten zu verlassen.

Wie lange hast du gebraucht, um dich einzuleben?   

Ghosh: Die ersten zwei Monate waren sehr schwierig. Ich habe etwas Zeit gebraucht, um mich einzugewöhnen. Im zweiten Monat hier in Deutschland ging es mir schlecht, bei mir wurden Rückenbeschwerden diagnostiziert. Aber auch diese Situation habe ich gemeistert – mithilfe meiner Kolleg:innen. Ich bin sehr dankbar, dass Fiorella, Ewelina, Amol und Laxmikanth mir sehr geholfen haben, wann immer ich ihre Unterstützung gebraucht habe. Sie haben mir das Gefühl gegeben, hier eine neue Familie zu haben.

Die Doktorand:innen am Institut haben dich zu einer ihrer beiden Sprecherinnen gewählt. Was wollen du und deine Co-Sprecherin Flora Weber erreichen?   

Ghosh: Mit der Wahl geht für uns eine große Verantwortung einher. Das erste, was wir beide als wichtig empfunden haben, ist, dass wir die Kommunikation zwischen den Doktorand:innen an den Standorten City und Campus fördern möchten. In letzter Zeit gab es wenig persönlichen Kontakt, was natürlich vor allem an der Pandemie liegt. Wir möchten unsere Doktorand:innen über verschiedene Seminare, die ISAS  Summer School, Workshops und Exkursionen untereinander noch mehr vernetzen. Wir sind gerade dabei, neue Ideen für unsere Summer School auf den Weg zu bringen. Dank unserer ehemaligen Doktoranden-Vertreter:innen und ihrer Arbeit ist es für uns einfacher,  als wir erwartet haben.

Wie viel wusstet du über das strukturierte Doktorand:innen-Programm, bevor du ans ISAS gekommen bist?   

Ghosh: Ich habe mich vorab mit dem Graduiertenprogramm vertraut gemacht, bevor ich die Entscheidung getroffen habe, überhaupt hierher zu kommen. An dieser Stelle möchte ich mich bei meiner ehemaligen Kollegin Julia Lill, die jetzt in Boston ist, bedanken. Durch sie habe ich viel über die Arbeitskultur am Institut sowie das Doktorand:innen-Programm erfahren und weitere notwendige Informationen bekommen.

War es einfach, eine Wohnung in Dortmund zu finden? Hattest du Hilfe?   

Ghosh: Nein, es war definitiv nicht einfach, von Indien aus eine Wohnung zu finden. Zunächst hatte ich für den ersten Monat über Airbnb eine Wohnung. Meine Kolleg:innen am ISAS waren mir bei meiner Ankunft eine große Hilfe. Über eine von ihnen habe ich dann die Wohnung gefunden, in der ich jetzt wohne.

Hast du Tipps für andere Doktorand:innen aus dem Ausland?   

Ghosh: Ich habe das Gefühl, dass die meisten Promotionsstudierenden, die ich kenne, Zweifel haben, ob sie sich an ein neues Land und eine neue Kultur gewöhnen werden. Auch mir ging es so, als ich in Indien war. Mir ist jedoch klar geworden, dass man, wenn man sich für seine Arbeit begeistert, einfach seinem Traum folgen und sich bewerben sollte. Der Rest wird sich mit der Zeit von selbst regeln, und man gewöhnt sich an die neue Umgebung.

Gibt es etwas, das du am ISAS schätzt?

Ghosh: Ich genieße das freundliche Arbeitsumfeld und die Work-Life-Balance. Außerdem liebe ich die Gespräche mit den anderen Wissenschaftler:innen über mein eigenes oder ihr Forschungsprojekt. Ganz ehrlich? Wer würde sich nicht freuen, so freundliche Kolleg:innen und einen Vorgesetzten zu haben, der einen ermutigt, neuen Ideen nachzugehen?

(Das Interview führte Sara Rebein)  

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