Dortmund, 24. September 2021. Thibaut Vignane (24) aus Lyon in Frankreich arbeitet seit Oktober 2020 als Doktorand in der ERC-Gruppe Sulfaging. Bevor der Biologe nach Dortmund kam, studierte er an der Universität Bordeaux. Thema seiner Dissertation ist die Rolle der sogenannten Protein-Persulfidierung in Alterungsprozessen. Vignanes Ziel ist es, die molekularen Mechanismen, mit denen die Persulfidierung die Alterung der menschlichen Zellen kontrolliert, näher zu beleuchten. Was dies mit der Raumfahrt zu tun hat, erläutert er im Interview.

Wie bist du zu deinem Forschungsgebiet gekommen?

Vignane: Während meines Bachelorstudiums habe ich ein Praktikum bei PD Dr. Milos Filipović gemacht. So habe ich den Forschungsbereich Schwefelwasserstoff und Persulfidierung entdeckt. Parallel wuchs mein Interesse an der Genetik. Es hat mich sehr gefreut, dass Miloš Filipović mir anbot, meine damals neu entdeckte Leidenschaft für die Genetik mit dem Gebiet von H2S, wie wir Schwefelwasserstoff nennen, und dem Altern zu kombinieren. So kam ich dazu, meine Masterarbeit über dieses Thema zu schreiben. 

Welches Ziel verfolgst du mit deiner Forschung?

Vignane: Ich interessiere mich generell für Molekularbiologie und dafür, die Mechanismen zu verstehen, mit denen Zellen ihre Funktionen regulieren können. Ganz besonders interessiert es mich, mehr über die spezifischen Mechanismen des Alterns auf molekularer Ebene zu erfahren. Da Altern eine Mischung aus sehr komplexen und miteinander verbundenen Mechanismen ist, ist seine Erforschung sehr herausfordernd – aber genau das ist es, was mein Interesse zusätzlich befeuert.

Was ist das genaue Thema deiner Arbeit am ISAS?

Vignane: Da das Feld der Altersforschung sehr groß ist, konzentriere ich mich bei meiner Arbeit momentan auf zwei Aspekte: Der erste ist die Veränderung des Persulfidierungsgrades während des Alterns. Persulfidierung ist die posttranslationale Modifikation des Cystein-Restes, der eine Rolle bei der Alterung spielt. Der zweite Aspekt ist die Rolle der Proteinpersulfidierung auf den Telomerabnutzungsprozess, der während des Alterns auftritt.

Führst du auch Tierversuche durch?

Vignane: Wir arbeiten mit Ratten und Mäusen, allerdings in Zusammenarbeit mit anderen Arbeitsgruppen. Zurzeit untersuchen wir Veränderungen im Persulfidom im alternden Gehirn von Mäusen. Außer mit Mäusen arbeite ich auch mit Caenorhabditis elegans, einem Wurm, der häufig zur Untersuchung des Alterns eingesetzt wird. Wegen seines relativ kurzen Lebens und weil er durchsichtig ist, verkörpert er den perfekten Modellorganismus für unsere Analysen. 

Was erhoffst du dir, mit deinen Forschungsergebnissen zu erreichen?  

Vignane: Die gewonnenen Erkenntnisse könnten zu einem enormen Fortschritt in vielen Bereichen führen, weil sie helfen könnten, einige seltene Krankheiten zu heilen. Meiner Meinung nach sind seltene Erkrankungen genauso wichtig wie Volkskrankheiten, für die mehr Forschung betrieben wird. Im Moment arbeitet unsere Gruppe an einer sehr seltenen Krankheit namens Werner-Syndrom (WS). WS ist die häufigste der vorzeitigen Alterungserkrankungen. Wir glauben, dass H2S eine wichtige Rolle bei der Behandlung dieser beschleunigten Alterungserkrankung spielen könnte. Mein größter Wunsch ist, dass meine Arbeit ein besseres Verständnis dafür ermöglicht, wie H2S den schlafähnlichen Zustand in unserem Körper steuert. Eines Tages möchte ich mit meiner Forschung dabei helfen, den menschlichen Körper in eine Art Winterschlaf zu versetzen und den Traum von der Raumfahrt zu Erholungszwecken zu erfüllen.

(Pauline Jürgens)
 

So nah wie auf diesem Foto ist Thibaut Vignane der Internationalen Raumstation noch nicht. Seinem Traum allerdings, Menschen für die Raumfahrt in einen Winterschlaf zu versetzen, könnte er mithilfe seiner Forschung näherkommen. © ISAS.

So nah wie auf diesem Foto ist Thibaut Vignane der Internationalen Raumstation noch nicht. Seinem Traum allerdings, Menschen für die Raumfahrt in einen Winterschlaf zu versetzen, könnte er mithilfe seiner Forschung näherkommen. © ISAS.

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